Kuba-Reise 08.10. – 22.2009

Eindrücke einer Studienreise

Kuba 2009: 50 Jahre nach der Revolution der Volkshelden Fidel Castro und Che Guevara –
Was ist geblieben von dem sozialistischen Experiment, das ein halbes Jahrhundert gegen Invasion, Blockadepolitik und unzählige Attentatsversuche auf Castro standgehalten hat?

Wie habe ich das Land erlebt, das ich 1980 – also vor fast 30 Jahren – zum ersten Mal besucht habe?

Havanna ist bunter geworden, die Altstadt – mittlerweile Weltkulturerbe – ist sehr schön renoviert. Es gibt viele edle Hotels und Restaurants. Der Tourismus floriert (wenn auch in diesem Jahr durch die Krise weniger als in den Vorjahren). Viele Straßenhändler bieten ihre Waren an. Es gibt mittlerweile private Unterkünfte und auch kleine Privatrestaurants, sogenannte Paladares meist in stilvoll-kitschigen Wohnungen.
Während wir bei meiner letzten Reise ein „Nachtleben“ nur im Hotel Nacional für die Touristen erlebten, tanzt heute die Jugend aufreizend sexy in der Casa de la Musica oder in einem der anderen Salsa-Schuppen.
Die neue Musik der Chicos heißt Reggaeton: eine Mischung aus Salsa und Hip-Hop mit derben und ungezogenen Texten.

Das alles sieht auf den ersten Blick so ganz unsozialistisch und modern aus.

Doch verlässt man die touristsichen Highlights der Altstadt, sieht man ein Leben in Ruinen. Die schönen alten bürgerlichen Gebäude aus dem letzten bzw. vorletzten Jahrhundert sind in einem unglaublich beklagenswerten Zustand: Seit 50 Jahren wurden die Gebäude, die den heftigen Regen und der Seeluft ausgesetzt sind, nicht mehr renoviert. Die Wohnungen gehören alle dem Staat, die Miete ist sehr gering, und sie verlottern deswegen total.

Noch schlimmer als die prekäre Wohnssituation der Kubaner – besonders in Havanna – ist die Tatsache, dass viele Menschen an dem erwähnten Fortschritt nicht teilhaben können, weil sie nicht das Geld dazu haben. Selbst Seife ist Mangelware. Weil wir so oft auf der Straße danach gefragt wurden, verschenkten wir die Seifchen aus dem Hotel.
Im Land der Gleichheit ist eine Zweiklassengesellschaft entstanden und die Schere wird sich sicherlich noch weiter öffnen.

Die dürftige Versorgung mit Lebensmitteln ist kaum zu verstehen angesichts des grünen und fruchtbaren Landes, durch das man fährt. Wo früher Zuckerrohr angebaut wurde, sieht man heute weitgehend Brache:
Auf der Homepage des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland heißt es dazu:
„Kuba muss heute den weit überwiegenden Teil (80%) seines Lebensmittelbedarfs importieren. Hauptgrund hierfür sind die geringen Freiräume für unternehmerische Initiative, da die staatlich festgelegten Lebensmittelpreise wenig attraktiv für die privaten Erzeuger sind. Hinzu kommen eine schlechte Infrastruktur sowie administrative Fehlentscheidungen. Die kubanischen Lebensmittelimporte allein aus den USA, gegen Vorauskasse, beliefen sich 2007 auf über 437 Mio. USD.“
http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laenderinformationen/Kuba/Wirtschaft.html

Die sozialistische Planwirtschaft ist nicht dafür bekannt, besonders effektiv und innovativ zu sein, aber warum man selbst Hühnchenfleisch aus den USA einführen muss, wo man soviel ungenutztes Agrarland hat, ist kaum zu fassen.

Man darf das Land allerdings nicht an Europa oder den USA vergleichen, sondern muss es an der Situation in anderen lateinamerikanischen Staaten messen:
Kuba ist ein sicheres Land. Die Kriminalität ist gering. Ich kann alleine mit meiner Kamera durch heruntergekommene Straßen gehen. In Buenos Aires ist das viel zu gefährlich.
Es gibt zwar Armut aber nicht das Elend, das man sonst auf diesem Kontinent erlebt.
Es ist erstaunlich, wie gebildet auch „einfache“ Kubaner sind.
Der Rassismus ist so wenig spürbar wie in keinem anderen Land, das ich kenne.
Das meinte wohl auch unsere Reisebegleiterin Clothilde, wenn sie täglich mehrmals von „el triunfo de la revolución“ sprach.

Wie heißt ein Witz auf der Insel?
Was sind die drei größten Erfolge der kubanischen Revolution?
Bildung, Gesundheit und Sport.
Was sind die drei größten Misserfolge?
Frühstück, Mittagessen und Abendessen!!!
Warum hungert dennoch niemand? Weil es den Schwarzmarkt gibt und man gelernt hat, sich zu beschaffen, was man braucht. Wer CUC hat, bekommt über den Schwarzmarkt (fast) alles. Deshalb hält sich die Unzufriedenheit offenbar auch noch in Grenzen.

Die Kubaner wirken duldsam, sie sind Kummer gewohnt.

Wie sagte mir ein junger Mann?
In der periodo especial (das waren die schlimmern 90er Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, H.W.) war es viel schlimmer. Da haben Menschen aus Hunger ihre Katzen geschlachtet. Im Vergleich dazu leben wir jetzt im Paradies.

Auf die Frage, was ihm am meisten fehle, meinte er: Ich möchte einmal nach Italien reisen, da lebt meine Schwester schon.
Ich wünsche diesem jungen Mann und allen Kubanern, dass sie die Reisefreiheit bald erleben werden, dass sie auch Meinungs- und Pressefreiheit und freien Zugang zum Internet haben werden.
Gleichzeitig bleibt zu hoffen, dass mit der Freiheit nicht die ungehemmte Freiheit der Profitmaximierung für einige wenige Kapitalhaie und Neureiche in dieses so wunderschöne und sympathische Land einzieht.

In diesem Sinne:
CUBA HASTA SIEMPRE

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Eine Antwort zu “Kuba-Reise 08.10. – 22.2009

  1. Die dürftige Versorgung mit Lebensmitteln ist kaum zu verstehen angesichts des grünen und fruchtbaren Landes, durch das man fährt. Wo früher Zuckerrohr angebaut wurde, sieht man heute weitgehend Brache:Auf der Homepage des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland heißt es dazu:„Kuba muss heute den weit überwiegenden Teil (80%) seines Lebensmittelbedarfs importieren. Hauptgrund hierfür sind die geringen Freiräume für unternehmerische Initiative, da die staatlich festgelegten Lebensmittelpreise wenig attraktiv für die privaten Erzeuger sind. Hinzu kommen eine schlechte Infrastruktur sowie administrative Fehlentscheidungen. Die kubanischen Lebensmittelimporte allein aus den USA, gegen Vorauskasse, beliefen sich 2007 auf über 437 Mio. USD.“
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